Berghochzeit in der Schweiz

Eine Geschichte über das Finden des eigenen Zuhauses

Als ich an diesem Morgen aufwachte, bemerkte ich als erstes den einmaligen Geruch von frischer, kühler Bergluft begleitet von dicken Regentropfen, die draussen auf die alten Holzdielen runterfielen. Mit einem gewissen Gefühl von unheimlicher Vorfreude öffnete ich das alte Fenster auf der linken Seite unseres Zimmers und sah auf die unendlich weit erscheinenden Wiesen, beinahe gänzlich in Nebel eingehüllt, während ein kalter Wind mein Gesicht traf. Ich lief zurück zum Bett, weckte Martina sanft auf, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und machte mich langsam für das Frühstück mit all den anderen parat. Es war der Morgen von Andy und Joels Hochzeitstag, ein Tag, der den alles übertreffenden Gipfel ihrer Liebesgeschichte in Mitten einer atemberaubenden Schweizer Bergkulisse darstellte. Doch dieses Panorama sollte schon bald nebensächlich werden.

Die Frage „Von wo kommst du?“ war für Andy schon immer schwer zu beantworten. Geboren in der Schweiz, lebte sie zusammen mit ihrer Familie während der Kindheit in vielen Ländern über die ganze Welt verstreut, was es schwer machte, einen Ort ihr Zuhause zu nennen. Doch dies änderte sich an einem warmen Novemberabend in Australien, als sie plötzlich auf Joel traf. Und nur wenig später fand sie ihr Zuhause in Australien, förmlich auf der anderen Seite der Welt von der Schweiz aus gesehen. Zumindest für kurze Zeit, da Andy Joel wegen eines sechsmonatigen Praktikums im Libanon schon bald wieder verlassen musste. Ein halbes Jahr später, welches die beiden nur mit täglichen Telefonaten überstanden, zogen sie dann aber fest zusammen, verlobten sich kurz darauf und adoptierten Mia, ein süsser Boston Terrier, der genau an dem Tag geboren wurde, an dem Andy und Joel offiziell ein Paar wurden.

Ich stand auf der linken Seite des Balkons, wo die Trauung von Andy und Joel stattfand und hörte den wunderschön geschriebenen Worten von Simone zu, während die Bergkulisse um uns herum nach und nach zu verschwinden schien. Das Einzige, das noch zählte waren Andy und Joel und ihre alles durchdringende Liebe. Und diese traf uns alle, Martina, mich und all die anderen wichtigen Menschen in Andy und Joels Leben, die fast alle lange Reisen aus Australien, den USA und vielen anderen Ländern auf sich nahmen und sich zwischen Lachen und Weinen abwechselten. Und ohne eine einzige Ausnahme, kamen alle eingeladenen Menschen zur Hochzeit, ganz egal wie weit sie auch anreisen mussten. Dies gab der Ring Warming Zeremonie, bei welcher die Ringe von allen kurz gehalten werden und persönliche Wünsche mit auf den Weg bekommen, eine ganz neue Bedeutung. Und so war es schliesslich während Andy und Joels Vows, welche aus sieben Versprechen bestanden, die sie sich gegenseitig gaben, auch um mich geschehen. Und während ich irgendwie versuchte, trotz den wässrigen Augen wenigstens halbwegs klar zu sehen, begann ich zu begreifen, dass der Begriff „Zuhause“ nicht unbedingt den Geburtsort meinen muss, noch jenen Ort, an welchem man sein ganzes Lebens verbringt. Ja eigentlich muss er nicht einmal einen bestimmten Ort meinen und auch keinen dauerhaften Zustand. Vielleicht ist es schlicht und einfach jener Ort, an welchem man gerade von geliebten Menschen umgeben ist. Oder eben überhaupt kein Ort an sich, sondern eher ein Gefühl. Und so glaube ich fest daran, dass am Tag als Andy und Joel heirateten diese bestimmte Zeit inmitten der Schweizer Berge ihr ganz persönliches Zuhause war.

Liebe Andy, lieber Joel. Es wahr mir eine grosse Ehre, euch ein bisschen auf dem Weg zu begleiten und dieses Abenteuer mit euch gemeinsam zu erleben. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass ihr diese tiefe Verbindung beibehaltet und zusammen noch ganz, ganz viele Zuhause findet.

PS: Falls ihr es noch nicht habt, hört euch beim Anschauen der Bilder unbedingt den Song oben an.